StadtRaumBoxen # 27: Timo Behn. WEHE DEM, DER LÜGT.

Die StadtRaumBoxen #27 stehen unter dem Motto Fake News. Wobei die News von einer historischen Quelle ausgehen. Das Themenjahr Faust, das im benachbarten Weimar gebührend gefeiert wird, veranlasste Timo Behn (Rudolstadt), „seine“ Thüringer Klangwelt mit diesem Weltliteraturwerk zu verbinden. Unter dem Titel WEHE DEM, DER LÜGT. (Gretchen in Faust I) warten die nächsten StadtRaumBoxen mit einer Installation aus Klang, Text und Um-die-Ecke-Denken auf.
Der in Jena geborene Künstler Timo Behn studierte an der Akademie in Nürnberg. Wieder zurück in der thüringischen Heimat war es deren Klangwelt, die ihn interessierte. Auf das Landesstipendium bewarb er sich mit der Idee der künstlerischen Transformation des Klangs von Orgeln, Glocken (erinnert sei auch an den Glockenguss in Apolda), von Volksliedgut und einer Erinnerung an John Cage.
In den StadtRaumBoxen stehen die Glocken erneut im Fokus. Glocken haben traditionell verschiedene Funktionen: Sie rufen die Gemeinschaft zum Gebet, zur Besinnung, erinnern an die Toten, verdeutlichen Zeit akustisch oder warnen bei Katastrophen. Symbolisch erinnern sie an moralische Werte und warnen vor Unrecht.
So auch in Goethes „Faust“. Dort steht sie für moralische Ordnung und göttliche Wahrheit, für Wahrheit, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit allgemein. Sie erklingt immer dann, wenn es darum geht, ehrlich zu sein und das Richtige zu tun.
In den StadtRaumBoxen findet das Glockenspiel zwischen zwei Liegestühlen statt. Das Glockenspiel erklingt zufällig, wird vom Wind gespielt. Diese zufällige Klangquelle kann als Metapher für die unkontrollierbare Verbreitung von Lügen und Fake News in unserer Gesellschaft verstanden werden. Genau wie das Glockenspiel unerwartet erklingt, können Lügen plötzlich und ohne Vorwarnung in unser Leben treten.
Das Zitat „Wehe dem, der lügt.“ hat Timo Behn Gretchen in den Mund gelegt. Wie eine Mahnung steht der Satz über den drei Boxen: Er mahnt zu Aufrichtigkeit und wird zur Drohung für den Fall der Unaufrichtigkeit. So wie die Glocke akustisch im Faust I zur Wahrheit mahnt (Gartenszene mit Faust und Gretchen), könnte Gretchen diesen Satz gesagt haben. Plausibel wäre es, denn auch sie fordert Ehrlichkeit ein. Dieser Satz wurde aber in Wirklichkeit nie von Gretchen so gesagt. Die Behauptung, dass sie ihn gesagt hat, ist schlicht eine Lüge. „Fake News“ – eine falsche Wiedergabe einer Information, die im Projekt bewusst eingesetzt wird, um auf die Gefährlichkeit der Verbreitung falscher Informationen aufmerksam zu machen.
Das vermeintliche Zitat befindet sich aufgedruckt auf beiden Liegestühlen, jeweils in Schwarz und in Weiß. Diese Farbwahl symbolisiert die Gegensätze von Lüge und Wahrheit. Und ist zugleich eine Überzeichnung, denn so schwarzweiß ist das Verhältnis von Wahrheit und Lüge selten. Das gemeinsame Zitat auf beiden Stühlen zeigt, wie nah Wahrheit und Lüge beieinanderliegen und, wie leicht man zwischen beiden wechseln kann.